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Jahresberichte

 

Im Archiv der Schule gibt es viele alte Jahresberichte, die die bewegte Vergangenheit der Schule beginnend mit 1910 dokumentieren. Die Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum ist vergriffen, es gibt aber eine Fassung im PDF-Format. Weitere Jahresberichte werden demnächst folgen. Der folgende Rückblick auf die Gründung des Gymnasiums geht auf den ersten Jahresbericht der Schule aus 1910/11 zurück.


Ein Rückblick auf die Gründung unseres Gymnasiums

Zusammengefasst und redigiert von HR Mag. Franz Komornyik nach einem Artikel von Prof. Mag. Susanne Krucsay:
 
Die Meidlinger sind heute in der glücklichen Lage, für ihre Söhne und Töchter zwischen drei Schulen, die höhere Bildung vermitteln, die Wahl treffen zu können. Die meisten finden den ihren Interessen und Begabungen entsprechenden Schultyp. Die Selbstverständlichkeit, mit der das reichliche Angebot an Bildungsanstalten konsumiert wird, muß den Leser bei der Rückschau auf die Entstehung unserer Anstalt nachdenklich stimmen: Nachdenklich ob unserer Bequemlichkeit blicken wir auf das couragierte Vorhaben zurück und können nicht umhin, die geschickte Argumentation zu bewundern, mit der die Bürger des Bezirkes die Notwendigkeit einer Mittelschule darlegen.

Mitbürger des XII. Bezirkes!

Schon seit langer Zeit macht sich in Meidling, ein Industriebezirk mit 105.000 Einwohnern und einem Schülerheer von 15.000 Schulkindern, das Bedürfnis nach einer Realschule fühlbar.

Der Bürgerverein Meidling hat in einer Ausschußsitzung über Antrag des Herrn Bezirksvorstehers Karl Donner ein Komitee gewählt, welches den Gedanken aus dem Herzen der Bevölkerung aufgegriffen hat und es unternimmt, einen Verein zu gründen, um im zuversichtlichen Glauben an den Edelsinn und die Unterstützungsfreudigkeit der Bewohner des XII. Bezirkes die Erreichung dieses Hochzieles anzubahnen.

Mitbürger! Beamte! Lehrer! Gewerbetreibende! Kaufleute!

Wer von uns weiß nicht, welchen Nutzen unsere Söhne aus einer solchen Anstalt zu ziehen vermöchten. Gerade unsere Zeit, die Zeit des industriellen Aufschwunges, der technischen Vervollkommnung und des industriellen Wettbewerbes, gerade diese Zeit verlangt tüchtige und gut geschulte Kräfte, mathematische Kenntnisse, allgemeine Geistesschulung und Kenntnis fremder moderner Sprachen.

Diesem modernen Zeitgeist müssen wir dadurch Rechnung tragen, daß wir unseren Söhnen eine Erziehung geben, die sie im Leben nicht untergehen läßt.

Diesen Anforderungen vermag die Realschule vollständig gerecht zu werden. Ein stets wachsendes Kontingent unserer Jugend besucht die oft sehr entfernten Stätten höherer Bildung. Neben den oft bedeutenden Zeitverlusten sind unsere Söhne auch den Wetterunbilden und anderen Gefahren eines weiten Schulweges ausgesetzt. Die geistige Frische dieser Schüler wird dadurch in Mitleidenschaft gezogen, die in der kurzen Mittagspause eine geradezu bedrohliche Steigerung erfährt.

Mitbürger! An Euch wenden wir uns, Euch rufen wir auf zur Mitarbeit an dem Werke. Helfet mit und wen würde die Sache nicht berühren?  an der Verwirklichung dieser für das Volkswohl so hochbedeutsamen Einrichtung. Helft mit, Euren Söhnen den Kampf ums Dasein zu erleichtern, sie zu tüchtigen und berufsfreudigen Menschen zu machen und Ihr verdient Euch den Dank Eurer Nachkommen!

Seit der Einverleibung Meidlings in die Hauptstadt ist die Bevölkerungszahl explosionsartig angestiegen. Es wird aber fairerweise vermerkt, daß eine Anzahl von anderen "jungen" Wiener Bezirken auch ohne Mittelschule ihr Auslangen finden mußten. (Um die Jahrhundertwende gab es im 10., 11., 14., 19. und 21. Bezirk keine Mittelschulen, im 13. Bezirk eine mit 4 Unterklassen.)

Das ergebenst gefertigte Komitee bittet Euer Hochwohlgeboren, dieses gewiß hochherzige Unternehmen als Stifter (500 K), Gründer (100 K) oder unterstützendes Mitglied (mindestens 2 K) zu fördern. Wir geben der freudigen Hoffnung Ausdruck, daß es uns gelingen wird, der schul und bildungsfreundlichen Bevölkerung ein Denkmal in alle Zukunft zu bauen. Das walte Gott!

Für das Komitee:

Wilhelm Zörkler, Schriftführer, Bezirksvorsteher Karl Donner, Obmann


Schulgründung

Der Bezirksvorsteher von Meidling, Karl Donner, stellte im Jahre 1907 einen Antrag zur Gründung eines "Vereins zur Gründung einer KaiserJubiläumsRealschule im XII. Wiener Gemeindebezirk, XII. Schönbrunner Straße 189". Im folgenden Jahr erging der hier abgedruckte Appell an die Bevölkerung, und endlich fand die gründende Versammlung des Vereines 1909 statt. Die 400 Beitrittserklärungen sowie der Beschluß des Stadtrates und Gemeinderates der Stadt Wien, dem Verein zwei große Schulzimmer der Knabenvolksschule zur Verfügung zu stellen, bewiesen, daß der Bezirksvorsteher die Selbstinitiative rechtzeitig ergriffen hatte.

Bei dem Vergleich mit anderen Städten der Donaumonarchie schneidet der Bezirk Meidling sehr schlecht

Einwohnerzahl 1910

Realschulen

Gymnasien (Realgymnasien)

Gesamt

Es entfällt daher eine Mittelschule auf Einwohner

Prag mit Vorstädten

516.882

12

15

27

19.144

Budweis

45.137

2

3

4

11.284

Brünn

125.008

5

4

9

13.889

Olmütz

22.257

2

2

4

5.564

Krakau

151.886

2

5

7

21.698

Lemberg

206.574

2

8

10

20.657

Stanislau

33.293

1

3

4

8.323

Tarnopol

33.853

1

3

4

8.463

Tarnow

37.263

1

2

3

12.421

Czernowitz

86.870

1

3

4

21.717

Meidling

141.419

0

1

1

141.419

 Dem möglichen Einwand, daß bei einigen Städten die Bevölkerung der angrenzenden Landgemeinden nicht berücksichtigt wurde, nimmt man sofort die Spitze: Die Einwohnerzahl der Stadt Liesing, ferner der Gemeinden Atzgersdorf, Erlaa, Inzersdorf, Siebenhirten und Vösendorf muß zu den 104.905 Bewohnern Meidlings dazugerechnet werden. Selbst so kommen die Meidlinger zu dem Schluß, daß ihr Bezirk erst bei einer Einwohnerzahl, die der mathematischen Größe unendlich entspricht, eine Staatssehule enthalten wird.

Doch die Zeiten ändern sich. Bis dahin "scheint es wenigstens, daß Handel, Industrie und Gewerbe in ihren älteren, gemächlicheren Betriebsformen mehr Reiz für die Einheimischen besaßen, als die durch lange Studien und böse Prüfungen erreichbaren Berufe." (S. 5 des Jahresberichtes 1910/11) Aber nun wird die Rolle der Mittelschule zunehmend wichtiger, zunächst bei den technischen Berufen, doch der "Staat selbst verlangt, gar oft auch nur für recht einfache Ämtchen, die Absolvierung der Unterklassen eines Gymnasiums oder einer Realschule." (S. 6)

Die erste Auslese der 11jährigen Knaben findet bei den Julieinschreibungen statt. "Weh ihm, wenn seine Noten nicht "sehr gut oder mindestens "gut" sind, wenn gar etwa schlechtes Betragen, häufiges Spätkommen oder Ausbleiben den Ausweis estigmatisieren!" (S. 7) Doch die zu geringen Anforderungen bei der Aufnahmsprüfung lassen bloß etwa 12 von den 140 angetretenen Kandidaten scheitern, und nun entscheidet die Bezirksansässigkeit. Wen wundert es da noch, daß die Schüler, die in Meidling wohnen, mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten bei der Erlangung eines Platzes an einer Mittelschule zu kämpfen haben?

Meidling wird vom Bezirksvorsteher als Arbeiterbezirk apostrophiert. Heißt das nun, daß diese soziale Strukturierung des Bezirkes die Gründung einer neuen Mittelschule überflüssig macht? Keineswegs, argumentiert Karl Donner, denn gerade "für die Arbeiterschaft bedeuten einige Klassen Realschule das wichtigste Mittel, um vorwärts zu kommen, und kein Staat der Welt kommt mit seinen Schuleinrichtungen diesem Drange so demokratisch freigebig und gleichbleibend entgegen wie österreich.11 (S. 10) Die Armen sind von der Zahlung des Schulgeldes befreit, sie erhalten Bücher aus der Schülerlade, Begabten werden Stipendien gewährt, ferner sorgt die Institution des "Ferienhortes" für die Entspannung und Erholung der Bedürftigen. Daß die Söhne aus dem Bürgerstand beziehungsweise aus den Kreisen der öffentlichen und privaten Angestellten einer Stätte für die Vermittlung höherer Bildung bedürfen, Iiegt ja auf der Hand. Dieser Zusammensetzung entspricht dann auch das soziale Milieu der Schüler, mit denen die erste Klasse im September 1910 eröffnet wird: 40 % stammen aus dem Bürgerstand, 10 % sind Arbeiterkinder, 50 % sind Söhne öffentlicher oder privater Angestellter.

Stolz blickt der Verein auf das Geleistete zurück; stolz, aber nicht untätig, denn schon wird das nächste Ziel anvisiert: die Aufnahme in den Staatsverband.

Und sogleich zeigt den Zuständigen die Vergleichstabelle an, daß dies bereits nach zwei Jahren erfolgen könne. Mit etwas Verspätung sollte auch dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Mit 1. Jänner 1914 wurde die Schule vom Staat übernommen.

(Weitere Entwicklung: s. Festschrift 75 Jahre BRG 12" Eine Dokumentation, 75 Jahre  Alles auf einen Blick, Seite 167 ff.)

 

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