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Pädagogischer Tag

18.03.1997: Ein Pädagogischer Tag der anderen Art

Sind Pädagogische Tage das Salz in der trüben Suppe des Schulalltags? Oder doch eher eine versalzene Suppe, die wir Lehrerinnen und Lehrer (siehe auch den Beitrag Der erweiterte Körper) auszulöffeln gezwungen sind? Wie umstritten der Nutzen einer solchen Veranstaltung auch sein mag, der Trend zum Pädagogischen Tag für jedes Gymnasium, das auf sich hält, ist ungebrochen.

Der Hauptzweck eines Pädagogischen Tages ist zunächst ein ganz simpler: Das Kollegium, teilweise auch Eltern- und SchülervertreterInnen, sollen zumindest einmal im Jahr ein Zeitgefäß finden/haben, um in Ruhe miteinander zu sprechen, und zwar nicht im Sinne einer Plauderei, sondern in strukturierter Form, sodaß möglichst die positive Wirkung auf den Unterrichtsalltag spürbar wird. Ob aber dieses hohe Ziel tatsächlich erreicht wird, darüber gehen die Meinungen auseinander, auch in unserem Lehrkörper - daß bei dieser Veranstaltung intensiveres Miteinanderreden als sonst während des Schuljahres möglich ist, wird aber meiner Einschätzung nach von der Mehrzahl der Beteiligten sehr positiv gesehen.

Wir veranstalteten heuer zum zweiten Mal einen solchen Pädagogischen Tag, diesmal aufgrund eines Konferenzbeschlusses mit dem Generalthema  Evaluation (= planmäßige Erhebung und Auswertung von Informationen zur Analyse eines bestimmten Aspekts des Schullebens, zum Beispiel des Schulklimas). Das ist an sich schon eine sehr heiße Sache, geht es doch bei Evaluation letztlich um die Bewertung der vorhandenen Situation, also auch um Gefühle, seelische Verletzungen, Ängste...

In den Monaten vor dem Pädagogischen Tag führten wir bereits Fragebogenuntersuchungen zum Thema Schulklima (siehe Ausschnitte aus den Ergebnissen in dem Beitrag Singriener Schulklima 1993 - 1997!) bzw. zu einigen Einzelaspekten wie Bisherige Erfahrungen in der Integrationsklasse oder Evaluation der autonomen Fächer durch. Die Ergebnisse der Schulklimauntersuchung erwarteten wir deshalb mit besonderem Interesse, weil wir sie mit derselben Fragestellung bereits vor vier Jahren, kurz nach dem Direktionswechsel, durchgeführt hatten und natürlich auf den Vergleich der beiden Resultate gespannt waren.

Damit nicht genug, kamen wir in den Vorbereitungsrunden auch noch überein, daß wir uns diesmal am Pädagogischen Tag an eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Evaluation heranwagen wollten. Die Idee dazu kam von einem unserer Kunsterzieher, Prof. Christian Möser, dessen Eindrücke von der Realisierung dieser Idee in Form des Künstlerischen Pädagogischen Vormittags hier wiedergegeben sind:

Christian Möser:

Der erweiterte (LehrerInnen-) Körper

Den Schwerpunkt der Vormittagsarbeit bildete eine kreativ - künstlerische Übung zum Thema Expanded Body. Ein Video der Schweizer Künstler Fischli/Weiß über den Lauf der Dinge - eine aberwitzige Abfolge verschiedenster Reaktionen mit Materialien - lieferte Impulse für die doch nicht alltägliche Themenstellung an den LehrKÖRPER. Textdias und ein Video über eine Stadtaktion des Künstlers Bernhard Bernsteiner - der als Animateur engagiert war - kurbelten den Schaffensdrang des schon ungeduldig gewordenen Lehrkörpers in ungeahnte Höhen.

Nach der nicht vorgegebenen Gruppenfindung wurde das üppig vorhandene Material-Angebot gesichtet und erste Ideen für den erweiterten Körper entwickelt. Draht, Müllsäcke, Wellpappe, Hasengitter, Korken, Gipsbinden, Stoff, einige ready-mades und anderes mehr standen zur Verfügung. Nach kurzer Schlacht um das Materialbüffett waren die Arbeitsräume des Seminarzentrums bald in Kreativstudios umgewandelt. Es wurden Draht gebogen, Müllsäcke zu Masken verarbeitet, Schläuche, Schnüre, Gummispanner hingen von Körpern, deren alte Identität zunehmend schwand.

Ein kleiner Auszug aus den entstandenen Arbeiten soll die Breite der kreativen Botschaft illustrieren:

Die dritte Hand

So unterschiedlich zusammengesetzt der Lehrkörper ist, die erweiterten Körper sprechen unbewußt Themen an, die den Berufsalltag aller auf symbolischer Ebene reflektieren. Eine tiefenpsychologische Deutung - von den einen dringend gefordert, von anderen abgelehnt - steht noch aus.

Was ist als Wirkung dieser Arbeit zu beobachten und welchen Transfer in den Schulalltag gibt es? Positiv gesehen wurden:

 

  • Die Möglichkeit, die Kollegin/den Kollegen einmal anders als gewohnt zu erleben;
  • das zunehmende Bewußtsein, daß kreative Techniken in jedem (Fach-) Unterricht einsetzbar sind;
  • es gibt Impulse für mehr standortbezogene Fortbildungsveranstaltungen, auch im Hinblick auf gemeinsame Unterrichtsarbeit.

So hat der Ausgang des Experiments meine Überzeugung bestätigt:

  • Kunst hat nichts mit Dekoration zu tun
  • sie ist/bietet sich an als
  • Teil der täglichen pädagogischen Arbeit
  • Kunst lehrt divergentes Denken
  • und ist ein machtvolles Werkzeug der schulischen Kommunikation

Was hat nun der Pädagogische Tag 1997 unserer Schule insgesamt gebracht? Christian Möser hat drei positive Punkte angeführt, die auch ich für zutreffend und für sehr wichtig halte; was denken andere darüber? Hier ein paar Wortspenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die unterschiedliche Standpunkte vertreten:

Eine Kollegin im 11. Dienstjahr meint: Mir hat der Vormittag sehr gut gefallen, in dem Sinn, daß es ein sehr schönes Arbeiten war, auch sehr kreativ, mir hat allerdings der Zusammenhang gefehlt zwischen dem Thema Evaluation und dem Arbeiten am Vormittag. Der Nachmittag war sehr informativ. In Zukunft ist es sicherlich sinnvoll, wieder einen Pädagogischen Tag zu machen, vielleicht daß man das Thema nicht so abstrakt angeht.

Ein Kollege im 3. Dienstjahr, Klassenvorstand der Integrationsklasse, äußert sich über den Pädagogischen Tag so: Zum Vormittag des Pädagogischen Tages wäre zu sagen, daß er unter der Unprofessionalität des Künstlers gelitten hat und daß ich mir persönlich mehr Anweisung - nicht im Sinne von Vorgabe, sondern von Verstehenkönnen - gewünscht hätte. Der Nachmittag litt vor allem darunter, daß der Bruch zum Vormittag sehr groß war und daß für mich zum Beispiel die Aktion Blech/Blume [zum subjektiv erfreulichsten Evaluationsergebnis des Vormittags sollte jeder Lehrer/jede Lehrerin eine Rose legen, zum subjektiv unerfreulichsten ein Stück verbogenes Blech] völlig unklar definiert und nicht zielführend war. Die Evaluationsvorhaben wie z. B. zur Integrationsklasse und zum Experimentellen Arbeiten konnten nicht eindeutig bewertet werden... für die Zukunft bin ich der Meinung, daß ein Pädagogischer Tag sehr wohl etwas bringt, es sollte nur ein bißchen klarer gemacht werden, wohin es gehen soll, was nicht heißt, daß man die Kreativität damit beschränken sollte, nur ein bißchen mehr die Richtung angeben! - Frage: Gibt es konkrete Auswirkungen dieses Pädagogischen Tages auf das Schulleben ,danach, oder ist die Wirkung verpufft? - Für mich ganz konkret als Klassenvorstand der Integrationsklasse gab es aus dem Evaluationsvorhaben und der  anschließenden Diskussion und aus der Bewertung durch die Kollegen sehr wohl Folgen, die im Rahmen des Teams diskutiert wurden, bezüglich Akzeptanz, Vorgehen im Unterricht, das war ein konkreter Punkt, der nach dem Pädagogischen Tag besprochen wurde und nicht verpufft ist.

Ein Kollege, der bereits im  26. Dienstjahr ist, meint: Von einem Pädagogischen Tag würde ich mir eher moderne Forschungsergebnisse über das Offene Lernen erwarten bzw. über Soziales Lernen ... - Frage: Und die sollten in einer geeigneten Form am Pädagogischen Tag präsentiert werden? - Ja, ganz genau!

- und eine ganz junge Kollegin (im 1. Dienstjahr) sagt: Ja, einen besonders positiven Eindruck hat auf mich die Zusammenarbeit am Vormittag gemacht, das war sehr angenehm und eigentlich auch ein Spaß. Was man mitnehmen kann vom Pädagogischen Tag? Ich würde meinen, daß uns am Nachmittag das Offene Lernen geblieben ist, das haben wir in der Gruppe ausgearbeitet, daß wir das weitermachen wollen, und das machen wir auch, also da habe ich den Eindruck, das hat etwas gebracht, und da wollen wir auch weiterarbeiten, der Pädagogische Tag war der Impuls, der Anlaß, und eigentlich ist es auch eine große Gruppe, die da weitermacht...

Den Direktor unserer Schule, der sich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen hatte, an der künstlerischen Auseinandersetzung des Vormittags des Pädagogischen Tages nicht aktiv teilzunehmen, bat ich um eine kurze schriftliche Zusammenfassung seiner Eindrücke. Er hatte die Gelegenheit genutzt, um die Interaktionen und Reaktionen der Teilnehmer/innen zu beobachten. Was ihn dabei, so schreibt er, besonders verblüffte, war der Stimmungsumschwung von anfänglicher Skepsis zu lustvoller, kreativer Arbeit mit den Materialien, der sich innerhalb weniger Minuten vollzog und nahezu den ganzen Lehrkörper ergriffen hat [...]. Das breite Spektrum an Aktivitäten und Informationen müßte eigentlich für jeden einen Teil enthalten haben, der als Anregung, Impuls oder Feedback mitgenommen werden konnte. Der künstlerische Zugang zum an sich schwierigen Thema Evaluation ist nur ansatzweise zur Geltung gekommen.

Zur zukünftigen Entwicklung meint er, daß ein Lehrerfortbildungstag für das ganze Kollegium eine Bereicherung der schulischen Arbeit darstellt und auch im kommenden Schuljahr durchgeführt werden soll. Die Akzeptanz und Zufriedenheit mit einem Pädagogischen Tag wird umso größer sein, je mehr Kolleginnen und Kollegen nicht nur Ideen einbringen, sondern auch an der Vorbereitung aktiv mitarbeiten.

Auch über die Verankerung der am Pädagogischen Tag initiierten Neuerungen im Schulalltag haben sich schon viele Mitglieder des Kollegiums Gedanken gemacht. Angeregt durch unseren Moderator Dietmar Osinger, haben wir inzwischen eine Art Pflichtenheft angelegt, in dem dokumentiert wird, welchen Weg die einzelnen Impulse genommen haben.

Ich meine, nehmt alles nur in allem, der Versuch hat sich gelohnt.

Ulrike Steiner-Löffler